Musik ist eine Insel im Meer der Stille,        Music is an island in the sea of silence,           

   der "Lärm", der notwendig ist         the noise which is necessary            

sie bewusst zu machen...    to make it conscious...         

                   

    Sea of Silence,    Meer der Stille,      

                  let me drop a stone         lass mich einen Stein werfen        

       and all the bells                und alle Glocken           

                    will be ringing for peace...                   werden für den Frieden läuten...           

 

(Die Komposition, SEA OF SILENCE, entstand als Teil des Soundtracks zu Jürgen Fieges Kunstvideo "Metarmorphosen" im Jahr 1992. Sie wurde mit einem Vierspurkassettenrecorder aufgenommen und kombiniert Ch'in-Instrument, eine Art elektroakkustische Windharfe, mit einer Synthesizerharfe (Korg M1). Die sich aus der analogen Aufnahmetechnik ergebende, mindere Tonqualität nahm ich in Kauf, da das Stück einen wesentlichen Inhalt meines Musikverständnisses zum Ausdruck bringt.)

 

MUSIK IST EINE INSEL IM MEER DER STILLE

oder: Die Biologie eines Musikers

(Meinen Eltern gewidmet © by Jon Michael Winkler 1992/2011)

Nicht die Gedanken, die ich mir über Musik mache, sind für mich wichtig, sondern die, die mich dazu bewegen Musik zu machen.“

 

Nach der Theorie von Kant-Laplace beginnt die Unendlichkeit in jedem Punkt des Universums und endet in keinem. Dieses mathematische Theorem, das die menschliche Vorstellungkraft auf den ersten Blick übersteigen muss, findet durchaus seine Bestätigung in alläglicher Erfahrung: Jedes Subjekt empfindet sich als Mittelpunkt seines Universums.

Der Begriff Subjekt sollte dabei im weitesten Sinne verstanden werden und nicht auf eine Vorstellung beschränkt bleiben, die der eigenen Subjektivität gleicht oder ähnelt. Schliesslich begreift die moderne Physik auch Gravitation als eine rudimentäre Form von Bewusstsein. Damit wäre jedes Atom, ja jeder subatomarer Partikel das kleinste vorstellbare Subjekt und damit Individuum, dessen Bewusstsein verschiedene Gravitationszustände und Bindungsenergien im doppelten Sinn des Wortes, aktiv wie passiv, wahrnimmt.

Eine Aussage, die von der Tatsache unterstützt wird, dass kein Atom dem anderen gleicht, somit als individuelles Subjekt aufgefasst werden muss, das sich selbst als Mittelpunkt des Universums erfährt.

Damit ist Individualität kein anzustrebendes Ziel, sondern der gern übersehene Ausgangspunkt. Schon Platon verwies den Begriff der Gleichheit ins Reich der Ideen, weil er in unserer Welt der Erscheinungen nicht existiert, nicht existieren kann. Die Einzigartigkeit ist also die wahre Gemeinsamkeit alles gleich Scheinenden. Doch wir zwängen der Welt eine nicht aus ihrer Wahrnehmung und deren Abstraktion gewonnenen Ordnung auf, die zwangsläufig Chaos hervobringen muss und übersehen dabei, dass die Ordnung ja schon allem zugrunde liegt, bedeutet das Wort „Kosmos“ doch nichts anderes als „schöne Ordnung“.

Die Perfektion, nach der wir streben, ist so gesehen unnötige „Kosmetik“ und daher Blasphemie. Und nichts eine grössere Perversion als unser Begriff einer normativen Normalität: Er kostet täglich tausenden von Menschen das Leben.

 

"Dummheit ist ein wildes Tier mit der Ruhe der Unschuld; sie mordet ohne Gewissensbisse". Eliphas Levi

 

Um eine Zukunft zu haben, privat wie global, müssen wir lernen unsere Situation ganz abstrahiert von unseren Vorlieben und Abneigungen, die allzuoft gar nicht unsere eigenen sind, zu betrachten.

Unsere Welt scheint uns so "hässlich" geworden, weil wir ihr unsere Vorstellung von Schönheit aufzwingen, weil wir nicht still genug sind ihren ständigen Offenbarungen zu lauschen. Deshalb bedarf es der Vermittlung durch den Künstler, der uns zeigt, dass alles, was seiner Natur entsprechend wächst, schön ist.

 

Kunst ist Wachstum 

Der Künstler unterscheidet sich von seinem Mitmenschen nicht so sehr, in dem was er tut, sondern in dem, wie er seine Umwelt wahrnimmt.

Jeder Mensch ist im Grunde ein Künstler: Als Gestalter seines Bewusstseins.

Deshalb erweitert der Künstler seine Wahrnehmung, mit der aus ihr gewonnenen Abstraktion.

Die neu gewonnene Wahrnehmung nennt er Inspiration. Den sich daraus entwickelnden Sinn Intuition.

Kunstwerke sind Stationen auf dem Weg der Ausgestaltung des Bewusstseins: Der Schaffensprozess ist Bewegung, das Kunstwerk deren Zeichen.

Es hat keinen Wert, solange man in ihm nicht die Intention seiner Entstehung erkennt oder zumindest erahnt. Das gilt für den Künstler wie für den Rezipienten. Seine wahren Früchte jedoch kann nur der Künstler selbst ernten.

Aber allen bleibt die Sehnsucht nach einem möglichen Paradies, zu dessen Verwirklichung wir durchaus über die nötigen Mittel verfügten. Doch nichts scheint der Mensch so zu fürchten wie seine Freiheit, die nur er selbst sich geben kann. Denn welchen anderen Grund sollte es geben, dass er es vorzieht in seinem selbstgeschaffenen Gefängnis zu leiden? 

Unsere Welt ist ein Ort, in der unsere abstruse Logik und unsere sinnlose Gewalt alles um uns und in uns zu verwüsten droht. Und doch ist sie ein Ort der Vollkommenheit, der Schönheit und der Hoffnung. - Ich kann nicht anders als staunen.

 

"Alles, was die Bewegung des Denkens aufhält - ist falsch."  

P.D.Ouspensky 

 

Ein Klapps, ein Schrei ... und schon hörte ich beim Klang meiner eigenen Stimme mit welchem akkustischen Universum ich es zu tun haben würde: Ungehindert vom dämmenden Schutz des mütterlichen Bauches konnte sich zum ersten Mal die volle Pracht der Obertöne frei in meinen Ohren entfalten. Ich hörte, bevor ich sah und ich hörte seitdem eine Vielzahl von Geräuschen, die mein Bewusssein zu differenzieren lernen musste. Sie wurden Bedeutungsträger, denn nichts geschieht in unserer Welt ohne Klang, auch wenn wir ihn nicht immer wahrnehmen können.

 

Als Musiker und Mensch kann ich gar nicht anders als den Klängen, die mich umgeben, zu lauschen. Ich kann nichts anderes sein wollen als ein Spiegel der Welt und ein Echo ihrer Töne. Denn die Welt in ihren Dimensionen von Raum und Zeit erlebe ich am unmittelbarsten durch ihren Klang und mich selbst erkenne ich als Echo in ihrem Spiegel: Ich töne, also bin ich!“

  

Suono dunque sono                         Ich töne, also bin ich

Sono per suono                               Ich bin durch den Klang

tono per tono                                 Ton für Ton

una persona personata                    eine durchtönte Person

un suono personificato                    ein menschgewordener Klang

dal grande suono impersonabile      des grossen nicht verkörperbaren Klangs

 

Dies geschah auf die Minute genau um 22.00 Uhr am 27. August 1962. Es soll ziemlich schwül gewesen sein, kein Lüftchen regte sich und über München lag ein blau-schwarzer Föhnhimmel, ausserdem eine ungewöhnliche Stille. (Ich liebe Mythen, aber nur meine eigenen). Passend zu meinen erst später auftretenden musikalischen Neigungen erlauschte ich in der Weidenbachklinik in der Mozartstrasse den Lärm dieser Welt, gleich neben der Theresienwiese, auf dem einen Monat später einer der grössten Rummel dieser Welt beginnen sollte.

Im Gegensatz zu späteren Lebensabschnitten, war ich zu früh dran, voller Falten im Gesicht, wie ein steinalter Gnom. Meine Falten glätteten sich ein paar Tage später, wohl aber nicht die Wogen des Streites um meinen Namen, der schliesslich im Kompromiss des Doppelnamens Jon Michael im Sande verlief. Ersteren verdanke ich einem väterlichen Freund meines Vaters, dem norwegischen Opernsänger Jon Brat Ottnes, zweiteren meiner Mutter, passend zur biblischen Historie und ihrer Tochter aus erster Ehe, meiner Schwester Gabriele. Mein Nachname stand schon seit dem 23. Februar des selben Jahres, dem Hochzeitstag meiner Eltern, fest: Winkler.

Uff, geschafft! Hiermit hätte ich mich also vorgestellt. Sie müssen entschuldigen, aber man hat mich aus irgendwelchen Gründen gebeten, die "wichtigsten Daten" meines Lebens schriftlich festzuhalten und dabei noch etwas über die Musik, die ich "mache", zu erzählen. Ein völlig aussichtsloses Unterfangen, wenn ich dazu keine Töne benutzen darf, sondern Worte benutzen muss, mit denen ich mich beim Schreiben und Sie beim Lesen quälen muss.

 

"Es wird soviel über Musik gesprochen, und so wenig gesagt. Ich glaube überhaupt, die Worte reichen nicht hin dazu, und fände ich, dass sie hinreichten, so würde ich am Ende gar keine Musik mehr machen. - Die Leute beklagen sich gewöhnlich, die Musik sei so vieldeutig; es sei so zweifelhaft, was sie sich dabei zu denken hätten, und die Worte verstände doch ein jeder. Mir geht es gerade umgekehrt. Und nicht bloss mit ganzen Reden, auch mit einzelnen Worten, die scheinen mir so vieldeutig, so unbestimmt, so missverständlich im Vergleich zu einer rechten Musik, die einem die Seele erfüllt mit tausend besseren Dingen als mit Worten. Das, was mir eine Musik ausspricht, die ich liebe, sind mir nicht zu unbestimmte Gedanken, um sie in Worte zu fassen, sondern zu bestimmte."

Felix Mendelsohn-Bartholdy (1809-1847) über seine "Lieder ohne Worte“

"Architektur und Musik: Architektur ist Musik in Stein - Musik Wohnstatt aus Tönen."

In den Papieren, mit denen wir uns alle herumschlagen müssen, steht unter Nationalität: Deutscher. Das stimmt strenggenommen nur zur Hälfte, den "westfälischen Sturschädel", so die familieninterne Bezeichnung, erbte ich von meinem Vater; dank der bewegten Familiengeschichte der mütterlichen Vorfahren, bin ich ein Viertel Este, ein Achtel Schwede und ein letztes Achtel Schotte. 21 Jahre später sollte ich auflerdem eine "zweite Heimat" finden: Asturien, eine nordspanische Provinz an der "grünen Küste" des Atlantiks. 

Ja, ich weiss, ich schweife ab, aber dafür habe ich Sie mit meiner schottischstämmigen Urgrossmutter verschont, der ich meine Begabung verdanken soll, denn sie spielte mehrere Musikinstrumente und beherrschte eine handvoll Fremdsprachen fliessend. (Nach Aussagen meiner leiblichen Verwandten mütterlicherseits, die ich erst recht spät in meinem Leben kennenlernen sollte, sehe ich ihr ausserdem sehr ähnlich.) Ich hätte schliesslich mit dem anfangen können, mit dem alles begann: Einem schummrigen Lokal, in der meine Mutter nebenbei arbeitete, einem Glas Wein und dem ersten Tanz, einem Slowfox in den Armen meines Vaters als ihrem "Traummann".

Außerdem, was glauben Sie, was noch alles auf Sie zukommt?

Mit sieben Monaten, einen Monat bevor ich das erste Wort brabbelte und noch weitere Monate bevor ich den ersten, unsicheren Schritt wagte, hatte ich die erstaunliche und sehr mütterfreundliche Fähigkeit entwickelt, mich selber in den Schlaf zu singen. Waren die Melodien dazu auch noch sehr unausgereift, so waren sie im Grunde schon meine ersten Kompositionsversuche.

Mein Laufställchen stand in einem 1-Zimmerappartement, das ich die ersten beiden Lebensjahre mit meinen Eltern teilte. Ich war nie allein und aufmerksam verfolgte ich, was meine Eltern taten. Schon früh entwickelte ich meine größte Stärke, die zugleich meine unüberwindlichste Schwäche sein dürfte: das Beobachten dem Handeln vorzuziehen.

Ich war ein ungewöhnlich ruhiges Kind, ich schrie nie und war so gut wie nie trotzig. Ich konnte mich stundenlang alleine beschäftigen. Darunter hatte meine arme Schwester nicht selten zu leiden. Mein früh einsetzender Forscherdrang liess mich ihre Puppen feinsäuberlich zerlegen und mein aufkeimender ästhetischer Sinn verleitete mich ihre sehr ordentlich geführten Haushefte mit kindlichen Graffities zu verzieren. Ihre Puppenstube benutze ich als Theaterkulisse für meine Mainzelmännchenfiguren, die ich darin hin- und herschob, um sie mit verteilten Rollen sprechen zu lassen. Damit begann ich schon im zarten Alter von zwei Jahren und konnte mich stundenlang damit beschäftigen ohne irgendeiner Aufsicht zu bedürfen.

Meine erste, bewusste Revolte fand an einem Tag meines siebten Lebensjahres statt. Ich sehe mich, als wäre es heute, wie ich vor dem Spiegel stand, mich zornig betrachtete und schwor: "Ab heute werde ich nur noch böse sein!" Natürlich kannte ich das richtige Wort zu dem Zeitpunkt noch nicht, heute würde ich nicht „böse“ sagen, sondern „unangepasst“. Damals drückte ich jedenfalls zum ersten Mal meine Ablehnung dem blinden Gehorsam gegenüber gesellschaftlichen Normen aus, zugleich den Willen ganz ich selbst zu werden.

 
Zu dieser Zeit träumte ich auch, dass ich nicht das Kind meiner Eltern, sondern nur von ihnen adoptiert wäre, was sie am folgenden Tag voll sichtlicher Verwunderung und einer nicht unbeträchtlichen Sorge verneinten. Viele Jahre später hörte ich von der Existenz des afrikanischen Witwenvogels dessen Verhalten noch faszinierender und vor allem subtiler als das des europäischen Kuckucks sein soll. Leider habe ich Brehms Tierleben nicht zur Hand, um das Gesagte auf seinen Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Doch selbst wenn sich dieser Kuckuck als Ente entpuppen sollte, will ich nicht versäumen, von seinem Verhalten zu erzählen. 

 

Während der europäische Kuckuck seine unfreiwilligen Adoptiveltern durch seinen auffällig gefärbten, unersättlichen Schnabel täuscht oder gar die wehrlose, ungeschlüpfte Konkurrenz aus dem Nest wirft, ist der afrikanische Witwenvogel ein Meister des akkustischen Betrugs. Er imitiert den Gesang seiner Wirtseltern und deren eigenen Abkömmlinge mit solcher Vollkommenheit, dass er trotz seiner auffälligen Andersartigkeit nicht aus dem Nest geworfen wird. Aber damit nicht genug. In den Gesang seiner Wirtseltern baut er, unhörbar für diese, seinen eigenen artspezifischen Gesang ein. Ein anderer Witwenvogel in Rufweite, der bei Vögeln mit einem völlig anderen Gesang aufwächst, erkennt seinen Artgenossen trotz der "Fremdsprache" und antwortet seinerseits mit einer verschlüsselten Botschaft, die ausserdem geschlechtsspezifisch ist. Sie verabreden sich auf diese Weise zu einem Stelldichein, angeblich lange bevor sie flügge und geschlechtsreif geworden sind.

 

Dime, paxarín parleru,              "Sag mir, sprechender Vogel,

dime que comes -                      sag mir, was du frisst!"

Como arenines del mar,            "Ich fresse die Sandkörner vom Meer

del campu flores.                       und die Blumen vom Feld."

Tienes unos guellos negros      Du hast schwarze Augen

y unes pestañes                        und Wimpern

y una llengua parlera                 und eine lügnerische Zunge

con que me engañes.                mit der du mich betrügst.                

                       (Volkstümliches Lied aus Asturien

 
"Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald", "Ein Vogel wollte Hochzeit machen" oder "Alle Vöglein sind schon da", überhaupt alle Volkslieder, in denen Vögel vorkamen, blies ich im zarten Alter von etwa acht Jahren auf der Blockflöte, die ich aus eigenem Antrieb erlernte, besonders gerne. An anderer Stelle äuflerte ich sogar, dafl nur die Vögel und Narren mich verstünden, da bin ich mir heute nicht mehr so sicher. Wenn ich auch nicht so weit gegangen bin wie der französischen Komponist Olivier Messiaen, der den Vogelgesang unermüdlich studierte, ist für mich der Vogelgesang ein Symbol für die spontane Natürlichkeit von Melodien, der Musik im allgemeinen. Nicht umsonst übte ich mich an Charlie "Bird" Parkers "Ornithology" im vierstimmigen imitatorischen Satz oder vertonte a capella, das Gedicht eines Insassen einer Nervenheilanstalt, aus Cesare Lambroso Buch "Genie und Irrsinn":

 

"Ad un ucello nel cortile".           „An einen Vogel im Hof“

 

 

Da un virgulto ad uno scoglio,    Vom Strauch zum Felsen,

da uno scoglio ad una colina      vom Felsen zum Hügel

l'ala tua va pelegrina.                  pilgert dein Flügel;

Voli o posi de notte a dì.             du ruhest oder ziehest

                                                    bei Tage wie bei Nacht.

Noi confitti al nostro orgoglo       Wir vertrauen unserem Ehrgeiz,

come ruote in ferrei perni,           wie Räder auf eisernen Achsen,

ci stanchiamo en giri eterni.        ermüden wir im ewigen Kreisen,

sempre erranti e sempre qui.      immer irren wir und bleiben auf der Stelle.

 
"Zu meinem 13. Geburtstag schenkte mir meine Mutter eine Gitarre. Damit war mein weiteres Schicksal besiegelt. Alle Erklärungen, die man zum "warum", "wie", "was" und "wann" abgeben könnte, sind letztlich bedeutungs- und farblos. Wenn man sich verliebt, stellt man keine Fragen, schon gar nicht, wenn man der Frau seines Lebens begegnet..."

Aber auch die Kriechtiere gehörten zu meinen Vertrauten, all diese sicheren, ruhigen Bewegungen, aus einer Zeit, die langsamer war als unsere, weil es keine Hast (im menschlichen Sinne) gab. Ich hielt mir Bergmolche im Terrarium, die mir wegen ihrer schönen Zeichnung gefielen, vor allem das leuchtende Orange ihres Bauchs hatte es mir angetan. Sie bewegten sich behäbig, aber geschickt; ein Molchweibchen war die erste Nacht die Glasscheibe des Terrariums hochgeklettert und spurlos verschwunden, worauf ich mich um eine neue Gesellschafterin für den verlassenen Molchmann kümmern musste. Ich setzte sie gerne auf meine Hand und liess sie dort laufen. Die Erwachsenen meinten, das wäre ekelig, ich fand es aber sehr angenehm - sie waren kein bisschen schleimig, sie waren weich und geschmeidig wie feine Seide. Da begriff ich, nicht zum ersten Mal, dass die Erwachsenen auch nicht über alles bescheid wussten, wenn sie so oft über Dinge sprachen und vor allem urteilten, die sie selbst gar nicht aus der Nähe untersucht hatten. Ich beschloss, dass es wohl vernünftiger sei, die Dinge selber in Augenschein zu nehmen als sie vom Hörensagen zu übernehmen. Mehr noch, ich wollte nur mir selber vertrauen und erst aus Erfahrung ein Urteil ableiten, nein, kein Urteil, eine Beobachtung.

Später schrieb ich einen Sologitarrenzyklus über ein Thema meines leider so früh verstorbenen Freundes und Kollegen Geoff Bastow, der mit Eric Burdon passenderweise den Song „I used to be an animal komponiert hatte, mit dem Titel „Das Chamäleon und die Zeitmaschine“

 

Du siehst mich nicht - doch bin ich da!

Du kriegst mich nicht - doch bin ich nah!

Ich bin nicht warm, ich bin nicht kalt,

An mir gibt's keinen festen Halt -

Doch wer mir traut, hat gut gebaut!

Flink und wendig - schon davon,

Singe ich im frechen Ton:

Chamäleon, Chamäleon, Chamäleon!

 

"Jede meiner Kompositionen ist eine Nachricht des Unbewussten an das Bewusstsein. Momentaufnahme des flüchtigen Gefühls, das sich spontan in Tönen manifestiert und erst in dieser Form dem Intellekt Analyse und Transformation erlauben. Die durch die Einbeziehung der mentalen Funktionen entstandenen (Zwischen)Ergebnisse werden wieder als klingende Töne auf das Unbewusste zurückgeworfen und fordern seine spontane Reaktion heraus - oder manchmal die nahezu unerträgliche Qual einer Blockade, wenn eine solche Reaktion ausbleibt. Über die Musik als Versöhnerin von abstrakter Sprache und gefühlsmässigen Erleben vermögen Anima und Ratio miteinander zu kommunizieren, den eingeborenen Zwiespalt zwischen sich zu überbrücken, zu "heilen" im Sinne von "ganz" machen und werden."

Meine Träume sind immer biologischer Natur gewesen, kein Wunder, schliesslich träumen alle Säugetiere, und nichts anderes sind wir, auch wenn wir das nicht hören wollen.Um genauer zu sein und einen ordentlichen Fachbegriff für unsere Gattung zu gebrauchen: Wir sind "domestizierte Primaten", einen Ausdruck, den ich vom köstlich geistreichen Robert Anton Wilson übernommen habe.

 

Biologie heisst Lehre vom Leben, aber um es zu untersuchen, wird es meistens getötet und seziert. Nichtsdestotrotz war der zweijährige Biologieleistungskurs, wohl die inspirierendste Materie, in deren Genuss ich während meiner schulischen Laufbahn kommen durfte; das ausserdem bei der meines Erachtens besten Pädagogin meiner Gymnasialzeit. Der Stoff wurde auf hohem Niveau abgehandelt; wenn er uns zu ersticken drohte, heiterte Frau Reissler (ich grüsse Sie ganz herzlich) mit einem Schwank aus ihrer Jugend in Ostpreussen oder Lästereien über ihre "dicke Tochter“ auf. Das Lachen darüber entspannte uns und machte uns wieder aufnahmefähig für den bruchlos folgenden Unterricht. Das nenne ich angewandte Biologie!

 

Wir hatten uns in einem nahegelegenen Waldstück im Gebüsch versteckt und als der Besuch vorbeifuhr, setzten wir die Glaskolben der Petroleumlampen an die Lippen, röhrten nach Leibeskräften hinein. Der auf eine Begegnung mit der einheimischen Fauna erpichte Besucher war sichtlich erstaunt über den mehr als intakten Wildbestand Ostpreussens und meinte zu meiner Mutter, die mit ihm fuhr: "Das muss aber ein kapitaler Hirsch sein!" Worauf meine Mutter ihr Schmunzeln kaum unterdrücken konnte, weil sie ja wusste, wer der eigentliche Hirsch war. (Nach Erzählungen von Erdmute Reissler)

 

Mittlerweile seziere ich nicht mehr und schon gar keine "niederen" Organismen, aber die Biologie, wie könnte sie anders, lebt fort in mir. Ich selbst bin Subjekt und Objekt meiner Beobachtungen im Strom des Lebens geworden, im Studium der Biologie an mir selbst. Verhaltensforschung und Evolution speisen heute noch meine Visionen (und deren Verwirklichung).

Die Evolution schreitet vom Groben, Einfachen weiter zum Differenzierten, Komplexen; aus ungeordneten Materiehaufen, aus den wenigen Grundstoffen entwickeln sich die chemischen Elemente, werden zu immer komplexeren Molekülen, wie der DNA, aus der organisches Leben entsteht: Mikroben, Einzeller, Amöben, Algen, Pflanzen, Insekten, Wirbeltiere, Säugetiere, Primaten und schliesslich der Mensch. Doch die Evolution macht nicht halt bei ihm, der Mensch steigt von den Bäumen, geht auf zwei Beinen, erfindet immer raffiniertere Werkzeuge, deren Meistersterstück die Entwicklung der Sprache ist.

Die Entwicklung der Sprache war ein wesentlicher Schritt der Evolution, sie ermöglichte den festen Zusammenhalt der menschlichen Gemeinschaft, der für das Überleben unabdingbar war. Aus ihr entsprang die menschliche Kultur, die Zivilisation, die Geschichte, die Kunst, die Religion, die Philosophie und die Wissenschaft; sie erst erschuf das Bewusstsein des Menschen, das Bewusstsein seiner selbst.

"Language is a virus from outer space" (William S. Boroughs) 

 

Und jetzt steht uns der nächste Schritt der Evolution bevor, der einzig und allein am Bewusstsein des Menschen ansetzen kann ...

Wir müssen das Hören lernen, um eine neue Sprache finden zu können.

 

"Ich bin ein akustischer Literat und Musik ist mir mehr als eine Frage des Stils - sie ist eine Frage der Richtung."

 

Das ureigenste Anliegen meiner Kompositionen ist das Hören zu vermitteln, denn das Erlebnis bewussten Hörens ist keine Selbstverständlichkeit. Es unterscheidet sich gewaltig vom passiven Sichberieselnlassen, mit dem es gerne verwechselt wird. Hören bedeutet für mich aktive Meditation, innerlich so still zu werden, bis man mit dem Gehörten zur Einheit verschmilzt, die Musik auf verschiedenen Ebenen als lebendiges Wesen erfährt. Das heisst nicht Flucht aus der Realität, sondern Annäherung an sie. Denn ist die Musik nicht das getreueste "Abbild" des Kosmos, seiner Wirkkräfte, mit einem Wort: des Lebens, das uns bewegt? Losgelöst vom Kontext des Alltags kann Musik so zur Hilfe werden, das zu entdecken, was der übermächtige Sachzwang des täglichen Überlebens zu ersticken droht: Das Selbst. Anders gesagt: Musik ist für mich der "Lärm" der notwendig ist, die Stille bewusst zu machen. Und die Stille ist der Weg zum Selbst.

 

"An der Musik interessiert mich weniger das, was als Ton im Raum klingt, als das, was im Inneren des Hörers zum Schwingen kommt. So verstanden ist für mich Musik nur ein Gleichnis von Musik und Kunst nur ein Gleichnis von Kunst."

 

Eine Musik

Der Blätter im Wind

Der Tautropfen im Licht

Der keimenden Saat im Feld

Der alten Steine im See

 

Leise, unaufdringlich

Kaum zu vernehmen

Bewegt sie das Vergängliche

Eine neue Hoffnung pflanzend

 

Eine Musik

Nach der in Feuerstürmen

Meine Seele brüllt

für die mein Blut

über Stoppelfelder rinnt

Und heimliche Träume

Tosende Unwetter beschwören

für die mein Sein

über sichergeglaubte Ufer tritt

Trockene Äcker zu überfluten

Fruchtbare Sehnsucht zu pflanzen

Sonnenblumenfelder ertönen

Als Windharfe des Himmels

 

Hoffnung, die sich selbst zeugt

Das Ewige zu bewegen

Mit unscheinbarer Gegenwart

Flüchtiger Klänge

 

Stein im See

Saat im Feld

Tropfen im Licht

Blatt im Wind

Musik bin ich

 

Inspiration schafft Inspiration.

Ist Inspiration das Privileg weniger Auserwählter? - Oder ist sie das Geburtsrecht des strebenden Bewusstseins?

Inspiration ist tiefes Luftschöpfen: Ich werde geatmet.

Sie lässt sich nicht zwingen, aber ohne Anstrengung wird sie nicht erfahrbar.

Arbeit ohne Inspiration ist hoffnungsloses Sklavendasein - Inspiration ohne Arbeit ein leeres Trugbild.

 

Zwischen Wissenschaft und Kunst gibt es zahlreiche Parallelen, aber auch einen grundlegenden Unterschied in der Methodik: Der Wissenschaftler strebt nach Objektivität, indem er sich als Subjekt auszuschließen trachtet. Er versucht Objekte zu beobachten, zu beschreiben und zu erklären, als wäre seine Person nicht anwesend. Meines Erachtens lässt sich auf dieses Weise Objektivität nicht einmal annäherungsweise erreichen, da die "objektiv" nachvollziehbare Tatsache der Anwesenheit eines Subjekts verleugnet wird. Zum anderen besagt ja schon Heisenbergs Unschärferelation, dass es in einem Versuch keine Beobachter, sondern nur Teilnehmer gibt. Diese bestimmen schon mit ihrer Versuchsanordnung, auf welche Weise es zu einer Interaktion zwischen Subjekt und Objekt kommt. Es ist auch deshalb eine Interaktion - sofern ich die wissenschaftliche Theorie hierzu richtig verstanden habe - weil der Vorgang der scheinbar passiven Beobachtung insbesondere oder zumindest auf der subatomaren Ebene quantenmechanische Prozesse auslöst, die einer absichtlichen Beeinflussung gleich kommen. Auf der gedanklichen Ebene bestimmt das grundlegende Interesse, wie die durch Analyse abgeleitete Erkenntnis ausfallen wird, so der Soziologe Jürgen Habermas, dessen Buch „Erkenntnis und Interesse bei seiner Erscheinung eine weit über die Fachkreise hinausreichende Diskussion ausgelöst hat.

Die grösstmögliche Annäherung an lebendige Objektivität, sofern diese überhaupt wünschenswert ist, führt meines Erachtens nur über den Weg "radikaler Subjektivität". Ich sage "meines Erachtens", d.h. ich bin mir bewusst, dass ich diesen Standpunkt beim Betrachten des zu untersuchenden Objekts einnehme und dieser Standpunkt im Bezug zum Objekt zwangsläufig eine „Fehlerquelle“ darstellt, die desto grösser und verhängnisvoller wird, je mehr ich ihr Vorhandensein unterschlage. Mehr noch, diese Haltung führt in letzter Konsequenz zur Selbstverleugnung und damit zur Verzerrung der eigenen Urteilsfähigkeit: Der Begriff von Objektivität bleibt vom Subjekt unreflektiert und somit fremdbestimmt.

Mein Begriff der Arbeitsmethodik eines Künstlers ist die der "radikalen Subjektivität": Die Sprache des Künstlers kennt nur die "ich"-Form und alles, was er formt, spiegelt ihn als Person, sein Denken und Fühlen, wieder. Wenn der Künstler sich selbst zum Kunstwerk macht, heißt das für mich nichts anderes, als dass Subjekt und Objekt eins werden, der Künstler thematisiert sich selbst. Der kreative Prozess wird so zum Gegenstück der wissenschaftlichen Forschung, wobei beide sich durch sich selbst legitimieren: Während der Forscher durch Beobachtung äuflerer Vorgänge allgemeingültige Regeln abzuleiten sucht, schafft der Künstler durch die Projektion innerer Zustände neue Regeln, indem er bekannte Elemente vorher nicht bestehende Verbindungen und damit einen transzendenten Sinn eingehen lässt und/oder damit alte Regeln vollends durchbricht.

Der Forscher nähert sich durch Erneuerung und Verfeinerung des bestehenden Arbeitsmodells dem Kern der Dinge, der Künstler nähert sich durch Abwerfen des überflüssigen Ballasts, d.h. alles was seinem Wesen fremd ist, dem Kern seiner eigenen Person an. Diese Selbstfindung scheint Aussenstehenden oft ein rein egozentrischer, ja autistischer Prozess zu sein. Das ist richtig und zugleich legitim, denn nur ein Mensch, der sich selbst genau kennt, kann in verantwortlicher Weise mit seiner Umwelt umgehen. Oder wie mein Freund und Kollege Jürgen Fiege es treffend auszudrücken pflegte: "Ich arbeite nicht nach der Natur, sondern wie sie."

 

Ein Mann zu Besuch bei einem Bildhauer beobachtet fasziniert dessen Arbeit. Schliesslich fragt er ihn, wie es ihm denn gelänge, aus dem unbehauenen Stein den lebensechten Ausdruck eines Löwen zu meisseln. "Ganz einfach!" antwortet der Künstler. "Ich schlage alles weg, was nicht nach Löwe aussieht." (Altes Gleichnis aus der orientalischen Mystik.)

 

Selbst im chinesischen Jahr des Tigers geboren, sind Katzen sind meine Lieblingstiere. Ihr Verhalten, vor allem ihr Umgang mit Nähe und Distanz, ist für mich vorbildlich geworden. Ich habe, soweit es möglich ist, ihre Sprache gelernt. Ich kann im allgemeinen gut mit jeder Katze kommunizieren - sofern sie es auch will. Katzen sind ihren Bewegungen die Ästhetik in personam. Sie sind geheimnisvoll, alles an ihnen wirkt logisch, wenngleich sich diese Logik unserem Verstehen oft entzieht und sie sich ihr Geheimnis niemals entlocken lassen. Nicht nur, weil sie als unerbittliche Mäusevertilger ihre Kornkammern schützten, verehrten die alten Ägypter diese Tiere und balsamierten sie wie Familienmitglieder nach ihrem Tode ein. In der jüdischen Mystik ist die Katze das Symboltier der neunten Sphäre, dem Fundament der Magie. Und auch im Koran gilt sie als reines Tier, das als einziges im Haus der Menschen wohnen darf, der Prophet Mohammed wurde in der Überlieferung sogar pünktlich von seiner weissen Hausgenossin zum Gebet geweckt. In meiner Familie gab es seit meiner Kindheit immer Katzen, im Alter von dreizehn Jahren wurde ein kleiner grauer Tiger als neues Mitglied aufgenommen, der mir als mein Kater zugesprochen wurde und sich zu einem anhänglichen wie selbstbewussten Prachtexemplar entwickelte. Und Micky, so sein Name, liebte die Musik. Wenn ich nach der Schule nach Hause kam und mich zum Gitarreüben hinsetzte, dauerte es meist nicht lang bis er sich zu mir gesellte, sich zusammenrollte, um sich ganz dem Lauschen hinzugeben. Und dass er wirklich zuhörte, konnte ich an seinen Reaktionen ablesen: Spielte ich einen falschen Ton, bewegte er seine Ohren hin- und her, als wollte er den Missklang damit abschütteln.

 

"Die Musik ist wie die ägyptische Sphinx. Man tritt voller Ehrfurcht vor sie hin, verrenkt sich den Hals, um in ihr faszinierendes Gesicht zu blicken. Ein geheimnisvolles Lächeln umspielt ihre Lippen, und jeden Augenblick glaubt man, dass sie endlich anhübe zu sprechen, um ihr Geheimnis preiszugeben. Doch sie schweigt beharrlich weiter, hütet ihren heiligen Zauber und lächelt in alle Ewigkeit ..."

 

"Die Töne der Farben, ebenso wie die der Musik, sind viel feinerer Natur, erwecken viel feinere Vibrationen der Seele, die mit Worten nicht zu bezeichnen sind. Jeder Ton kann sehr wahrscheinlich mit der Zeit einen Ausdruck auch im materiellen Wort finden, es wird aber immer noch ein übriges bleiben, was vom Wort nicht vollständig ausgeschöpft werden kann, was aber nicht eine luxuriöse Beigabe des Tones ist, sondern gerade das Wesentliche in demselben. Deswegen sind und bleiben Worte nur Winke, ziemlich äußerliche Kennzeichen der Farben."

W. Kandinsky „Über das Geistige in der Kunst", 1910

 

Farbe als Ton (Beschreibung zum Projekt „Farbe“ mit Jürgen Fiege)

Farbe und Musik sind zwei Ströme, die aus derselben Quelle zu zwei verschiedenen Meeren fließen. Nicht erst Goethe vertrat mit dieser Formulierung die grundsätzliche Einheit der beiden Medien, schon die Antike hat diese Auffassung gekannt. Eine Auffassung, die in unserem multimedialen Zeitalter der gegenseitigen Durchdringung der Künste an neuer Bedeutung gewinnt.

Musik ist wie Farbe Zeichen und Bewegung: Sie ist gleich der Lichtwelle eine Frequenz, die erst durch die Wahrnehmung und der damit verbundenen Abstraktion im menschlichen Gehirn ihre Bedeutung erhält. Diese unmittelbar wirkenden Zeichen bilden durch ihre Kombination in Bewegung eine allgemeinverständliche Sprache, die auch über kulturelle Barrieren hinweg in ihrem emotionalen Gehalt von allen begriffen werden kann, wie es auch neuere Untersuchungen der Max-Planck-Gesellschaft belegen. 

Musik bewahrt sich auf formaler Ebene stets den Charakter abstrakter Zeichenhaftigkeit. Durch die ihr innewohnenden Bewegung löst sie, wie die Farbe, beim Hörer seelische Vibrationen aus, welche er mit ihm vertrauten seelischen Zuständen identifizieren kann. Musik ist damit eine ebenso differenzierte Sprache, wie die als solche gemeinhin bezeichneten.

Die eigens für dieses Projekt komponierte Filmmusik unternimmt den Versuch, die gesprochene Sprache weitgehend zu ersetzen. Neben dem unmittelbaren seelischen Ausdruck der dargestellten Situation, thematisiert sie die Qualität von Farben und die grundlegende Identität von Ton und Farbe. Als "Leitmotiv" erfährt eine Sarabande von J.S.Bach die verschiedensten Variationen, gleich einem Tautropfen, in dem sich das Licht in seine spektralen Bestandteile bricht.

Die Farben entstehen durch unterschiedliche Harmonisierung und Rhythmisierung, durch die Veränderung der Intervalle der Melodie, durch die Klangfarben der Instrumentierung und die Wahl der Stilrichtungen. Aber auch Geräusch und Stille als grundierte Leinwand für den Ton an sich werden in diesen "Mikrokosmos" eingebunden. Somit schliesst sich der Kreis, - Musik soll über stilistische Grenzen hinweg als unteilbare Einheit begriffen werden und im Bewusstsein des Hörers in ihrer Quelle münden: dort, wo sie gemeinsam mit Farbe und Bewegung entspringt.

 

Komponieren ist für mich als geschichtliches Wesen auch die Freiheit über historische Bezüge zu philosophieren. Ich glaube, dass sinnvoll Neues nur festverwurzelt auf dem Boden der Tradition ent- und bestehen kann. Das heisst für mich, das kompositorische Handwerk im Umgang mit traditionellen Formen souverän zu beherrschen, um von dort aus zu neuen Ufern aufzubrechen. Doch betreibe ich damit nicht l'art pour l'art, es ist der Anspruch, den ich mir auch in meinem alltäglichen Leben gesetzt habe: Stets offen zu sein für neue Anregungen, gerade wenn sie aus Bekanntgeglaubtem stammen: Das Ringen mit dem und um das Leben bringt die Form hervor, das Ringen mit der Form erweckt sie zum Leben.

Historie existiert nur im gegenwärtigen Augenblick: jetzt. Authentizität heisst für mich deshalb auch nicht historische Aufführungspraxis (auch wenn diese jene nicht ausschliessen muss), sondern das einmalige, unverwechselbare Verständnis des Interpreten und die Inspiration des jeweiligen Augenblickes, welche eine Komposition zu neuem Leben erwecken.

Historizität der Musik: In keinem Jahrhundert gab es eine vergleichbare Gleichzeitigkeit der Stile. Die gesamte Entwicklung der Musik der letzten tausend Jahre ist in unserem Bewusstsein präsent, d.h. greif- und hörbar. Die einzelnen Epochen sprechen uns auch heute noch in ihrer eigentümlichen Ausdrucksweise an. Meistens werden wir ihr aber nicht gerecht, da unser heutiges Bewusstsein nicht im damaligen Musikverständnis differenzieren kann und somit Zeitstile auf Klischees reduzieren muss: Es hat nie "Barockmusik" oder "Wiener Klassik" gegeben, sondern immer nur die individuelle Musik eines Komponisten. Erst zurückblickend erfanden Historiker eine Schublade, in die man mehr schlecht als recht die gegensätzlichsten Gestalten der Musikgeschichte zusammenpferchte.

Mögen die Klischees auch falsch verstanden werden, so beinhalten sie doch einen "wahren" Kern, d.h. sie besitzen eine Aussagekraft, die sie zu musikalischen Zeichen macht, sei es als rhythmische Figur, als melodische Wendung oder als harmonische Folge. Ich bediene mich der Klischees der Gegenwart und Vergangenheit wie eines Vokabulars, wandle sie aber meiner Person entsprechend ab, kombiniere (componere heisst zusammensetzen) gegensätzlich Scheinendes oder reisse sie aus der vertrauten musikalischen Umgebung und stelle sie in ein neues Licht. Dabei wird der Zuhörer an Vertrautes erinnert, das in ihm zum Schwingen kommt, zugleich tritt durch die musikalische Behandlung eine Irritation ein, in der sich das Vertraute als unbekannt zu erkennen gibt, wie im Leben auch ...

 

Transzendenz der Banalität

 

Banalität und Transzendenz;

das eine kann ohne das andere nicht bestehen.

Banalität wäre ohne Transzendenz nicht denkbar,

Transzendenz ohne Banalität nicht erfahrbar.

Letztendlich sind sie eins:

Zwei, voneinander untrennbare Haltungen,

die ein und demselben Bewusstsein entspringen,

gleich den zwei Seiten einer Münze. 

 

"Kunst ist das Gebiet, welches die Regel ausklammert. Eine Definition von Kunst geben zu wollen, hiesse sie ans Kreuz zu schlagen, sie dem Opfertod der Blutleere preis zu geben. "Definitio" leitet sich von "definire" ab: begrenzen, festsetzen, beschränken. Doch zum Wesen der Kunst gehört es unablässig über die Dämme der Regeln zu treten, um sich zwangsläufig an neu entstehenden Dämmen zu sammeln, zu stauen, um auch diese wieder zu übertreten und sofort. Kunst - sofern ich mir diese Definition erlauben darf - bedeutet also permanente Neudefinierung des Undefinierbaren, des Lebens nämlich. In diesem Widerspruch und genau in ihrem Scheitern an ihr vollendet sich ihr "finis" als ihr Mass und Ziel: Kunst ist nicht Abbild des Lebens, sondern zur untrennbaren Einheit mit ihm verschmolzen. Sie war immer und ist wieder zum "Infinitum" geworden, unbegrenzt und unbestimmbar, denn auch über diesen Damm einer Definition wird sie wieder treten müssen."

 

Zwischen Geräusch und Ton sind im 20. Jahrhundert ziemlich alle Möglichkeiten ausgeschöpft worden. Hier etwas "Neues" im Sinne von "unerhört" bringen zu wollen, ist nahezu unmöglich. Mehr noch, zwanghaft nach einer Lücke in diesem Bereich zu suchen, um als originell zu gelten, scheint mir als kompositorische Zielsetzung nicht lohnenswert.

Das soll nicht heissen, dass mich neuen Einflüssen und Tendenzen verschlösse, ich gebrauche auch deren Ausdrucksformen, sofern sie mir inhaltlich oder, wenn man so will, "semantisch" angemessen scheinen. Aber es ist nicht primär mein Ziel "Neues" als Selbstzweck zu schaffen. Mich interessiert vielmehr das Vorhandene in adäquater Weise zu benutzen, unterschiedliche Stilelemente wie das Vokabular einer Sprache neue, ungehörte Verbindungen eingehen zu lassen. Damit versuche ich eine Brücke zwischen alt und neu, fremd und vertraut zu schlagen, nicht zuletzt um dem Hörer Zugang zu ihm ungewohnten Klängen zu erleichtern.

Jede meiner Kompositionen ist ein kleines, in sich geschlossenes Universum, das seinen eigenen Gesetzmäfligkeiten folgt. Es gibt kein kompositorisches Rezept für mich, das ich auf alles uneingeschränkt anwenden könnte. Die Form ergibt sich aus dem Inhalt, wächst unter meinem Staunen und meiner Aufmerksamkeit zu einem Organismus heran, den ich, sobald er seine Form angenommen hat, wie ein Aussenstehender betrachte, so als hätte nicht ich ihn hervorgebracht.

Wenn ich beginne, weiss ich meistens nicht, wie das Resultat aussehen wird und das ist das Aufregende am kreativen Prozess. Auf der Landkarte unseres Bewusstseins scheint alles erforscht zu sein, ein folgenschwerer Irrtum! Wir ersticken unser Leben in mechanischer Routine und berauben unseren Alltag der ihm innewohnenden Transzendenz. Unsere Sinne werden durch die Idee der Selbstverständlichkeit abgestumpft, mit ihnen unser Reflexions- und Abstraktionsvermögen. Kunst ist heute eines der wenigen Abenteuer, das uns geblieben ist und das unser Leben noch bereichern kann. Mehr noch, in einer technokratischen Welt, die das Individuum zum funktionsbereiten Instrument degradiert, wird Kunst zum Synonym für das Leben selbst: Kunst "funktioniert" nicht und gerade das ist ihre Funktion.

 

Das Reich der Freiheit

der Kanal

die Welt reduziert

auf ein Notenblatt

sich selbst vergessen

Freiheit

Musik als pfadloses Land

der Weg entsteht beim Gehen

Ton für Ton

Takt für Takt

jenseits theoretischer Sachzwänge

jenseits gesellschaftlicher

und individueller Ideologien

das Ohr entscheidet

das Hirn begleitet

das Herz leitet

und der Weg

führt zu Dir

 

"Sensibilität" kann nicht umsonst mit "Fingerspitzengefühl" paraphrasiert werden, entwickelt sich dieses doch durch die Übung der Hände, deren Gebrauch einen sehr grossen Teil des menschlichen Gehirns beansprucht. Durch den aufrechten Gang wurden diese unentbehrlichen Werkzeuge erst frei und schufen die Möglichkeit die Umwelt zu gestalten, mit einem Wort die gesamte menschliche Kultur. Heute spricht man gelegentlich gerne mit einem herablassenden Ton von "Kunsthandwerk". So kann nur jemand sprechen, der nie durch seine Hände gewirkt hat beziehungsweise dessen Hände nie auf ihn gewirkt haben, was in diesem Fall dasselbe ist. Handwerklichkeit ist auch Handwirklichkeit: Die Teile der Persönlichkeit, vorher feinsäuberlich in Intellekt und Intuition getrennt, können in glücklichen Momenten zu einem Ganzen verschmelzen und dies geschieht durch den Gebrauch der Hände, welche ein Zeugnis dieses höheren und zugleich tieferen Bewusstseins ablegen. Diese Momente, nicht selten von einem tranceartigen Zustand begleitet, sind das Lebenselixier des Künstlers. Sie feuern ihn an, sein handwerkliches Können zu erweitern und zu verfeinern, um noch beglückendere Momente zu erleben und sie durch den Anforderungen immer gerechter werdendem Handwerk anderen zu vermitteln. Handwerk auf seiner "unsichtbaren Innenseite" kann Virtuosität des Geistes bedeuten, welcher sich mit den sparsamsten Andeutungen begnügt und mit diesen die größte Wirkung erzielt. Im besten Fall aber sind die Begriffe "Wirkung", "Andeutung", "Geist", "Virtuosität" und selbst das greifbare "Handwerk" vergessen: Man ist es. - Auch in diesem Sinne bewahrheitet sich die Aussage, das Kunst Weglassen ist - eine Kunst, die den Menschen wesentlich werden lässt."

 

Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie. Wem sich meine Musik auftut, der muss frei werden von all dem Elend, womit sich die anderen Menschen schleppen.“  Ludwig van Beethoven

 

Kultur heisst den Acker bebauen 

Im Grunde meines Herzens bin ich ein Bauer, in Ermangelung einer eigenen Scholle, bebaue ich die Felder meiner Fantasie. Ich säe den Keim der Eingebung in die Furche, die ich eigenhändig mit großem Lernaufwand in den Boden der Tradition gegraben habe. Ich beobachte aufmerksam die jungen Triebe und versuche zu erkennen, was zu ihrem Wachstum noch fehlt. Ich dünge sie mit dem Kompost alter und neuer Ideen und versuche auch gerne den Anbau unbekannter Feldfrüchte. Sehr wichtig ist die Anordnung der aneinandergrenzenden Felder, um im Gegensatz zur Monokultur Schädlinge der Einseitigkeit ohne grossen Aufwand fernhalten zu können. Die Ernte endet mit einem ausgelassenen Fest, zu dem ich alle, die es mit mir feiern möchten, von Herzen einlade. Darauf folgen Ruhezeiten, die Felder liegen brach und regenerieren sich, unbemerkt finden unterirdische Entwicklungen statt. Diese Scholle ist mein einziger Besitz und die Arbeit auf ihr meine Berufung. Sie ist mein Refugium, auf dem ich keinerlei Einmischung dulde, denn ich mische mich auch nicht in das politischen Tagesgeschehen meiner Umwelt ein. So bin ich im besten Sinn der klassisch griechischen Tradition das, was man einen "Idioten" nannte: Ein "Selbstgebildeter", der seiner Idee folgt, der „Göttin in seinem Inneren“.

 

"Gegenständlich oder abstrakt? - Alle Kunst ist "realistisch", denn sie entspringt der Realität des Künstlers  - ich ringe mit mir, ob ich noch hinzufügen sollte - die seine Abstraktion der Realität ist?..."

 

Yo no soy poeta, yo soy pescador.

En el alma pesco con la red de amor

íntimas palabras para mi cantar

que flotaban siempre sueltas en la mar.

Velas de paciencia, vientos de deber

guían ya mi lancha del amanecer.

Lanzo pues mi caña por la eternidad,

soy mi propio cebo que al fondo va.

A la visto saco lo que va a nacer,

al oculto obligo descubrir su ser.

Rimo esta presa con la intuición

en el hilo fino de mi corazón.

Eso es mi trabajo y único primor -

sueldo que yo cobro: lágrimas, sudor;

de estos caen gotas más de una vez,

gotas que en el agua paren otro pez

que yo pesco un día con la red de amor

pues no soy poeta, yo soy pescador.

 

Ich bin kein Dichter, ich bin ein Fischer.

Ich fische in der Seele mit dem Netz der Liebe,

nach innigen Worten für meinen Gesang,

welche schon immer losgelöst im Meer trieben.

Segel der Geduld, Winde der Pflicht,

lenken mein Boot der Morgendämmerung.

Ich werfe meine Angel in die Ewigkeit aus,

bin mein eigener Köder, der in die Tiefe sinkt.

Ans Tageslicht hole ich, was gerade geboren wird,

das Verborgene zwinge ich sein Sein zu offenbaren.

Diese Beute fädele ich mit der Eingebung

auf der feinen Schnur meines Herzens auf.

Das ist meine Arbeit und meine einzige Zierde -

der Lohn, den ich dafür erhalte: Tränen und Schweiss.

Mehr als einmal fielen sie als Tropfen hinab,

Tropfen, die im Wasser wieder einen Fisch gebären,

den ich eines Tages mit dem Netz der Liebe fange,

deshalb bin ich kein Dichter, sondern Fischer nur.

 

"Zu der gelegentlich mit dem Beigeschmack einer Kritik geäusserten Meinung, meine Musik sei "so intellektuell", kann ich nur bemerken: Natürlich ist sie das! Schliesslich hat man einen Intellekt, um ihn zu benutzen. Aber der intellektuelle ist nur einer von vielen ihrer Aspekte. Jede meiner Kompositionen ist ein von mir empfundener und damit gelebter Zustand des gesamten Bewusstseins, der unteilbaren Trinität, die man mit den Begriffen "Körper", "Seele" und "Geist" zu bezeichnen pflegt. Erst der Versuch solche Zustände, die einen Entstehungsprozess notwendigerweise begleiten, verbal zu fassen, lässt diesen Prozess "so intellektuell" erscheinen. Dabei handelt es sich nur um die "Spitze des Eisbergs" oder noch genauer, um die Beschreibung der Spitze. Der weitaus grössere Teil, ihr "Grund" liegt unter der Oberfläche intellektueller Erfassbarkeit. Ich wiederhole: Körper, Seele und Geist sind an der Entstehung beteiligt - und sollten es auch beim Hören sein. So verstanden kann Musik zu einer sanften und dennoch wirkungsvollen "Ganzheitstherapie" werden, die wir gerade in unserer intellektbetonten Zeit dringend nötig haben."

 

„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“ Friedrich Nietzsche

 

In seinem vorgeburtlichen Leben durchläuft der Mensch wie in einer Rekapitulation der Erdgeschichte seine Vorstadien der Evolution. Die zu einer verschmolzenen Ei- und Samenzelle teilt sich weiter und weiter. Bevor der Mensch seine eigentliche Gestalt annimmt bildet er Kiemen, Flossen und Schwanz aus und wieder zurück. In seinem späteren Leben wiederholt der Heranwachsende auch die Kulturgeschichte der Menschheit im Erlernen der Sprache, der Zeichen im allgemeinen. Sie allein ermöglicht es ihm die kollektive Geschichte seiner Gattung, deren Errungenschaften und Sackgassen zu überblicken, zu reflektieren, um im besten Fall aus den gewonnenen Erkenntnissen den im Sinne der Evolution richtigen Weg einzuschlagen. So gesehen könnte unser Bewusstsein, sofern wir uns um ein solches bemühten, ein Spiegel sein, den die Evolution hervorgebracht hat, um sich in ihm selbst zu berachten, um sich in dieser Reflektion weiter zu entwickeln.

Der kreative Akt schließlich ist ein weiterer Zweig der Evolution, der sich an die biologische und kulturelle anschließt und diese weiterführt: Es ist die individuelle Entwicklung der Persönlichkeit, Weg der Reifung durch das Erkennen und Verwirklichen der eigenen Identität. Doch bleibt diese Wirkung nicht nur auf das Individuum allein beschränkt: Auf diesem Weg haben viele ihre Wirkung auch auf die Allgemeinheit entfaltet, als Wegbereiter und -weiser einer kollektiven Zukunft.

 

"... ja noch mehr; dass jede Seele in ihrer Weise ein fortwährender Spiegel des Universums ist und in ihrem Grunde eine Ordnung enthält, die der des Universums selbst entspricht, dass die Seelen in unendlich vielfacher Weise, die alle verschieden und wahrhaft sind, das Universum variieren und darstellen und es sozusagen sovielmal vervielfältigen als möglich, derart, dass sie sich auf diese Weise der Gottheit nähern, soweit sie das ihren verschiedenen Graden gemäß können, und sie geben dem Universum die ganze Vollkommenheit, deren es fähig ist."

Gottfried Wilhelm Leibniz, "Von einem einzigen allumfassenden Geiste" aus "Fünf Schriften zur Logik und Metaphysik"

 

Leibniz, der nicht nur als Philosoph, sondern auch als Mathematiker ein bedeutendes Werk hinterlassen hat, legte durch die von ihm entwickelte Differentialrechnung einen wichtigen Grundstein für die Entwicklung des Computers und der Lasertechnologie, mit deren Hilfe es möglich wurde Hologramme zu erzeugen, deren Struktur in dem oben zitierten Ausschnitt aus seiner sogenannten „Monadenlehre als dem Universum zugrundeliegend dargestellt wird.

Zerbricht man ein Hologramm in beliebig viele Stücke, so spiegelt jedes Stück das ganze Bild wieder. Einige Forscher vermuten in diesem Prinzip die Funktionsweise des Gehirns. David Bohm, Physiker und Schwiegersohn Albert Einsteins, postuliert, dass das ganze Universum auf dieser "eingefalteten Ordnung" beruht.

Oft habe ich das Gefühl, die Musikgeschichte oder besser das, was für mich an ihr nachvollziehbar und damit anziehend ist, noch einmal durchlaufen zu müssen, um in der Gegenwart angelangt, die Grenze zur Zukunft überschreiten zu können. Wenn es mir vergönnt ist, dort, wo ich im Einklang mit evolutionären Notwendigkeiten und damit mit mir selbst stehe.

 

      transcedere

hinüberschreiten       hinübersteigen      hinübergehen

  überschreiten            übersteigen           übergehen

  schreiten                  steigen                 gehen

 

 

Koan:

"Wo finde ich das Tao?"

 "Werde ein Schreitender".

 

"Je länger ich um das Wesen der Kunst aus der Perspektive meines musikalischen wie menschlichen Verständnisses kreise, mich aus ihr heraus zaghaft tastend dem mir als Musiker ferner liegenden Medium Sprache bediene, desto mehr erfreut mich die sich allmählich einstellende Erkenntnis, dass ich keinen Text schreibe, sondern ihn komponiere. Auf einen nicht geringen Zeitraum zurückblickend, nehme ich die Bewegung meiner Gedanken wie musikalische Themen wahr, die im komplexen Kontrapunkt einer "entwickelnden Variation" zusammenfliessen."

Auch wenn ich versuche die holographische Struktur meiner Kompositionen oder der Musik im allgemeinen mit Hilfe der linearen Mittel der Sprache zu verdeutlichen, kann dies kein linearer Prozess sein - Die Welt bewegt sich wie die Musik: in untereinander verbundenen Kreisläufen. Ebenso unzureichend ist unser linearer Begriff und das damit verbundene Erleben von Zeit und Geschichte. Von der "Traumzeit" der australischen Aborigenes über das "steinzeitliche" Matriarchat der Yequana Indianer in Venezuela, bis hin zu den "modernen" feudalistischen Diktaturen des Nahen Ostens oder den demokratisch genannten Hightech-Staaten des Westens wirbelt unsere Welt im polyrhythmischen Neben- und Durcheinander der Zeiten und Kulturen durch die Endlosigkeit des Raumes.

Nicht der Elemente wegen, die ich aus anderen Kulturen und Zeiten borge, sondern aus diesem Verständnis unserer Welt heraus könnte man meine Kompositionen als "Weltmusik" im weitesten Sinne bezeichen. Für mich selbst ist dieser Begriff eine unnötige Tautologie, denn wo sonst könnte unsere vertrauteste Begleiterin entstehen, wenn nicht auf dieser Welt? Oft sagte ich halb im Scherz, dass ich, wenn ich kein Musiker geworden wäre, eine Laufbahn als Astronaut eingeschlagen hätte. Doch auch als grosser Sciencefiction-Fan wäre mir die weite Reise durch den interstellaren Raum nichts wert, landete ich auf einem fernen Planeten bei einer Zivilisation, die keine Musik kennte.

Nicht umsonst trägt die Raumsonde „Voyager“,  die neben der Erforschung des Weltalls auch das Ziel der Kontaktaufnahme mit ausserirdischer Intelligenz verfolgt, Aufzeichnungen irdischer Musik in die Tiefen des Kosmos. Denn sie ist die Sprache des Kosmos, dessen Wortsinn hier zum Abschluss in Erinnerung gerufen werden soll: „Schöne Ordnung“!

 

 

 Musik ist eine Insel im Meer der Stille,        Music is an island in the sea of silence,          

   der "Lärm", der notwendig ist         the noise which is necessary            

sie bewusst zu machen...    to make it conscious...         

                   

    Sea of Silence,    Meer der Stille,      

                  let me drop a stone         lass mich einen Stein werfen        

       and all the bells                und alle Glocken           

                    will be ringing for peace...                   werden für den Frieden läuten...          

 

 (Geschrieben 1992, überarbeitet 2011 - Alle Rechte vorbehalten © by Jon Michael Winkler 2011)

 

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